Firma Mustermann
 

Das Märchen von der Wahrheit

Ein jüdisches Märchen, erzählt von Gabriele.  

Es erklärt, warum Märchen noch immer etwas Wichtiges mitzuteilen  haben.

 



 


Die Geschichte von Sleepy dem Faultier

Eine Geschichte von mir, die Kindern Ruhe und Kraft gibt.


 




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Das Märchen vom fledermausen 

Ein Indianer-Märchen – es macht allen Mut, die sich darauf einlassen.




Kostproben aus meiner Feder

 Auf der Suche nach dem eigenen Königreich

Er war nur knapp zwölf Zentimeter groß, der kleine fliegende König. Unter seinem wehenden, weißen Mäntelchen blitzten altmodische, himmelblaue Palastschuhe hervor. Und sein schütteres, blondes Haar wurde von einer schlichten, goldenen Krone geziert. Wäre er, wie ein Normalsterblicher, zu Fuß unterwegs, würde er ziemlich gefährlich leben, aber er war ja meistens in den Lüften unterwegs. Dort fiel er allerdings kaum auf, mit seinen knapp zwölf Zentimetern. Doch das genoss der kleine König sehr. So konnte er seinem königlichen Auftrag fast völlig unbeobachtet nachkommen. Der kleine fliegende König suchte nämlich alle erreichbaren Königreiche auf, um herauszufinden, welches Königreich für ihn das richtige wäre.Was hatte er nicht schon alles gesehen: Das schneebedeckte Königreich im hohen Norden, das Reich der Blumenkönige und das sagenumwobene Wasserreich. Der König im schneebedeckten Königreich herrschte in einem blendend schönen Eispalast. Doch der kleine König brauchte nur drei Tage, um festzustellen, dass ein solches Königreich sicher nichts für ihn war. Die schreckliche Bodenkälte in diesem Reich würde ihn ganz schnell todkrank werden lassen.

Nach dieser Erfahrung war der kleine fliegende König viele, viele Stunden in den sonnigen Süden direkt in das Reich der Blumenkönige geflogen. König und Königin in diesem Reich nannten wunderschöne, einzigartige Blumen ihr Eigen. Doch auch hier war der kleine fliegende König völlig deplatziert. Viele der Insekten waren deutlich größer als der kleine König. Nein, hier konnte er auch nicht glücklich werden. Die Suche ging weiter.Als drittes landete der kleine König im sagenumwobenen Wasserreich. Die Stille des Sees und das wunderschöne Blau des Wassers bezauberten den König. Doch an das Schwimmen konnte er sich einfach nicht gewöhnen. Also schaute er sich in ganz anderen Königreichen um. Viele große Könige schienen ihr Heil im Geld zu suchen. Doch dem kleinen König erschien das Geld viel zu kalt, um damit glücklich zu werden. Dann entdeckte der kleine König, dass vor allem Königinnen die Liebe für ihr Königreich hielten. Doch bei näherem Hinsehen erkannte der fliegende kleine König auch die Enttäuschung und die Tränen in diesem Königreich. Nein, danach stand dem kleinen fliegenden König nicht der Sinn.

Also flog der kleine König weiter auf der Suche nach seinem eigenen Königreich. Und plötzlich, als der kleine König am wenigsten damit rechnete, entdeckte er sein Königreich. Er flog gegen die Abendsonne und sah auf einmal, wie die Abendsonne alles um ihn herum in ein intensives, warmes Gold tauchte. „Das ist mein Königreich“, jubelte der kleine fliegende König. „Es ist warm. Es ist einzigartig. Es ist wunderbar glänzend. Nur ich kann es sehen. Es macht mich für einen einzigartigen Augenblick restlos glücklich. Das goldene Königreich lässt mich gleichzeitig wunderbar aufgeregt und wohltuend entspannt sein.“

Und da rief der kleine fliegende König laut durch die Lüfte: „Ich bin der König des goldenen Königreichs.“ Diese Entdeckung ist 99 Jahre her. 99 Jahre, in denen der kleine fliegende König immer mal wieder sein goldenes Königreich erblickte. Augenblicke, die ihn zu einem glücklichen und allseits geachteten König machten.

 

 

2  Benny, Oma und das Glück

Letzte Woche hatte Benny schreckliche Hausaufgaben. Er musste einen Aufsatz schreiben. Benny hasst Aufsätze und ganz besonders, wenn sie ein doofes Thema haben. Und dieser Aufsatz hatte ein besonders doofes Thema: Glück – was ist das? „Keine Ahnung was ich da schreiben soll. Interessiert mich auch nicht! Blöde Lehrerin!“ jammerte Benny seiner Mutter etwas vor. Mama war sowieso im Stress, weil sie noch was fürs Büro machen musste und weil Bennys kleine Schwester Fieber hatte und dauernd weinte. „Benny, setz dich einfach hin und schreibe. Dir wird schon was einfallen!“ sagte Mama. Und dann fiel ihr noch ein: „Oder frag Oma, vielleicht kann die dir helfen??“ „Super Idee“ moserte Benny. „Woher soll Oma denn wissen was Glück ist? Die ist alt und kann fast nichts mehr machen. Die hat doch keine Ahnung vom Glück!“

Blöderweise hatte Oma das gehört. „Komm mal mit deinem Heft zu mir Benny. Vielleicht haben ja gerade so alte Leute wie ich Ahnung vom Glück!“ Benny war nicht wirklich überzeugt, hatte aber auch keine andere Idee. Also setzt er sich zu Oma auf den Balkon. „Sag mal Benny“ fragt ihn Oma „du hast doch gestern Abend irgendetwas mit Papa am Computer gespielt?“ „Ja – Autorennen und ich habe Papa krass geschlagen!“ „Du hast also gegen Papa gewonnen? Wie hat sich das angefühlt?“ „Na toll natürlich!“ „Dann könnte man doch sagen, dass du da glücklich warst?“ „Ja schon - aber meine Lehrerin will bestimmt nicht hören, dass Gewinnen beim Computerspielen Glück ist“ antwortete Benny. „Was will sie denn hören?“ „Na, sie ist ja auch Religionslehrerin und will immer so etwas erwachsenes, was richtig Wichtiges, du weißt schon was, hören!“ „Dann überlegen wir mal wann du noch glücklich bist – vielleicht ist da was richtig wichtiges dabei“ sagt Oma zum immer noch genervten Benny. Dann überlegen die Beiden und finden heraus, dass Fußballtraining Benny glücklich macht, und Ferien, und Geburtstag! Aber Benny meint, das könne er alles nicht schreiben. Schließlich fragte Benny die Oma was für sie eigentlich Glück ist. Oma antwortete zu Bennys Verwirrung: „Das, was wir hier machen!“ „Wie jetzt? Es macht dich glücklich mit mir zu überlegen was ich schreiben soll?“ „Ja“, antwortete Oma. „Du hast ja selber gesagt, dass ich nicht mehr viel machen kann, weil ich alt bin. Also Fußballtraining oder Autorennen am Computer das bekomme ich nicht hin. Aber mit dir gemeinsam überlegen, das kann ich und das macht mich glücklich. Also das Zusammensein mit dir, das ist für mich Glück!“ Benny sieht verwirrt aus und fragt nochmal nach: „Du meinst, ich bin dein Glück? Also das Zusammensein mit mir? Cool Oma, sowas will die Lehrerin hören. Jetzt habe ich eine Idee! Ich schreib das mal auf und du musst es dann lesen.“

Gesagt getan! Benny verschwindet, kommt nach einer halben Stunde strahlend zurück und gibt Oma sein Heft zum Lesen. Oma liest den Aufsatz und strahlt dann noch viel mehr als Benny. Ihr Enkel hatte in seinem Aufsatz geschrieben, dass es gar nicht so einfach ist rauszufinden was Glück wirklich ist. Denn beim Computerspielen gewinnen, oder mit anderen trainieren, das sei ja nur das was man von außen sieht. Das richtige Glück aber, das ist im Inneren so ein Gefühl. Es ist Glück mit Papa zu spielen und es ist Glück mit den Freunden zu kicken oder mit der ganzen Familie in die Ferien zu fahren. Das Zusammensein, das ist Glück. Oma ist mega stolz auf Benny und lobt ihn wie noch nie. Dann fragt Benny: „Oma hast du denn auch bis zum Schluss gelesen? Da steht nämlich das Wichtigste. Oma schaut sich die letzten Zeilen genau an und ihr kommen die Tränen. Benny hat geschrieben: „Und so habe ich bei diesem Aufsatz gelernt, dass ich Omas Glück bin und ich weiß jetzt, dass sie auch mein Glück ist. Der Stress mit dem Aufsatz hat sich echt gelohnt.“

 

 

 Die tausendjährige Kröte

Kröten stehen in der Beliebtheitsscala der Menschen nicht sehr weit oben. Sie sind ja auch nicht wirklich kuschelig. Und ob sie schön sind, muss ein jeder Betrachter für sich entscheiden. Unstrittig ist jedoch, dass sie weise sind. Das liegt sicher daran, dass sie sehr erdverbunden sind. Sie ziehen ihre Kraft und Weisheit aus der Natur. Wie bei uns Menschen gibt es auch bei den Kröten schlaue und noch schlauere, gesellige und Einzelgänger, solche die man sucht und andere die man meidet. Zur letzteren Gruppe gehört die grimmige Grotten- Kröte. Sie galt als weise aber auch als verbittert und böse.

Es war einmal vor langer Zeit, da sprang eine ziemlich frustrierte junge Kröte unruhig umher. Sie fühlte sich mit ihren 126 Jahren nicht wirklich anerkannt und zweifelte ständig an sich. In ihrem Elend hüpfte sie völlig planlos umher und achtete nicht darauf, dass sie sich der Grotte der tausendjährigen grimmigen Grotten- Kröte näherte. Plötzlich hörte sie eine wenig freundliche Stimme:“ Halt, du blassgrüner Junghüpfer – was fällt dir ein vor meiner Grotte herum zu hopsen?“

Das auch noch, dachte die junge Kröte, nun ist wohl alles zu spät. Aber dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf: “Will ich wirklich von der lichtscheuen Grotten- Kröte eingeschlammt werden? Nein!!!“ Die junge Kröte richtete sich vorsichtig auf. Sie streckte sich und wuchs über sich hinaus. Dann sagte sie zu der tausendjährigen Grotten Kröte: „Stimmt, ich bin planlos vorbei gehopst aber nun freue ich mich sehr dich hier zu treffen.“ Die Grotten- Kröte war sprachlos. Erstens traute sich sonst niemand ihr so kess zu antworten und zweitens freute sich nie jemand, sie zu treffen. Am meisten aber war die Grotten Kröte davon beeindruckt, dass sich die junge Kröte nicht, wie alle anderen, vor ihr klein gemacht hatte, sondern im Gegenteil über sich hinausgewachsen war. Also sprach die Grotten Kröte: „Du bist erstaunlich – wie du dich gerade aufgerichtet hast und über dich hinausgewachsen bist – Respekt! Das machst du wirklich gut.“ Diesen Satz hatte die junge Kröte gebraucht. Sie fühlte sich plötzlich gestärkt. Sie hatte sich mutig aufgerichtet und das hatte die grimmige Kröte beeindruckt. Glücklich wuchs die junge Kröte noch ein wenig mehr über sich hinaus.

Die junge Kröte war von der Begegnung und von den Worten der Grotten- Kröte sehr beflügelt. Lange schaute sie die grimmige Grotten- Kröte an. Dann sagte sie:“ Wann warst du eigentlich das letzte Mal in der Sonne?“ Diese zögerte mit der Antwort, aber dann sagte sie: „Ach du liebe Güte - das ist hundert Jahre her. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wo man die Sonne findet.“ „Das kann ich dir zeigen“, sprach die junge Kröte, „folge mir einfach“. Mürrisch und wenig überzeugt, folgte die grimmige Grotten- Kröte der jungen Kröte durch den dunklen Wald bis auf die Lichtung. Sie war völlig außer Atem, als sie oben auf der Lichtung ankam. Sprachlos und tief beeindruckt schwieg sie lange. Dann sagte sie: „Danke, du hast mich wunderbar geführt.“ Weise lächelnd fügt sie leise hinzu: „Ich denke das ist deine Berufung. Mach was draus.“ Und so kam es. Die junge Kröte war nicht mehr planlos. Sie führte andere Kröten an ihre Wunschorte, an Orte, an denen sie sich wohl fühlen. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann ist die junge Kröte noch heute eine stolze Krötenführerin.

Die Grotten- Kröte ihrerseits saß nachdenklich in der warmen Sonne. Jahrelang hatte sie in ihrer dunklen Grotte einsam philosophiert. Sie hatte meditiert und analysiert. Nun war sie unglaublich weise aber sehr verbittert und einsam. Die Begegnung mit der jungen Kröte, der Sonne und der Wärme hatten den Blick der alten, weisen Kröte in eine andere Richtung gelenkt. Irgendwie zog und zwickte es nun in ihrem Krötenbuckel. Ihre Haut spannte und fühlte sich viel lebendiger als sonst. Alles war anders, aber irgendwie wunderbar. Die tausendjährige Grotten- Kröte machte eine ganz neue Erfahrung. Wärme und Wohlbehagen breitet sich in ihr aus.

Auf der Lichtung sonnten sich viele Kröten. Nach und nach breite sich unter Ihnen großes Erstaunen darüber aus, dass die grimmige Grotten- Kröte auf der Lichtung war. Plötzlich rief ein ganz junger Kröterich: „Schaut mal. Das hat es ja noch nie gegeben - die grimmige Grotten- Kröte lächelt!“ „Ja- und das werde ich wieder tun!“ sprach die Grotten-Kröte. Und wenn sie nicht gestorben ist, dann gönnt sie sich auch heute noch hin und wieder einen Perspektivwechsel, und kommt aus der Grotte auf die Lichtung und sonnt sich im Kreis der anderen Kröten.

 

 

4  Papas Angstmonster

 Mein Vater ist Politiker. Genauer gesagt unser Bürgermeister – also ein Anzug-Mensch. Jeder hier bei uns kennt ihn. Jeder denkt, der hat es drauf. Hat er auch – jedenfalls finde ich das. Denn obwohl er so super viel Arbeit hat, macht er mit mir sooft es nur geht eine Flüsterstunde. Nein, das heißt nicht, dass wir eine Stunde flüstern. Das heißt, dass wir uns in mein Zimmer setzen, und eine Weile ganz alleine nur für uns reden. Ich erzähle ihm dann alles was mich gerade bewegt und obwohl er ja ein Erwachsener ist, sagt er mir dann auch was ihn freut oder was er Mist findet.

In so einer Flüsterstunde habe ich ihm zum Beispiel erzählt, dass ich totale Angst vor dem Bio Referat habe. Er hat erst gesagt, dass ich das nicht brauche und so. Und dann ist er sehr nachdenklich geworden und dann hat er mir sein Geheimnis anvertraut. Er hat mir gesagt, dass er manchmal auch richtig Angst vor so Vorträgen oder Referaten hat. Das hätte ich nicht gedacht. Ich dachte Erwachsene haben keine Angst und mein Papa schon gar nicht. Aber er hat mir erzählt, dass er ja oft irgendwo was vorstellt oder erzählt und davor meist ein bisschen aufgeregt ist. Und manchmal, wenn es viele Menschen sind und er etwas erzählen muss bei dem er sich nicht so super auskennt, dass er dann auch Angst hat. Cool, dass er das zugibt.

Cool, dass Erwachsene die Angst auch kennen – finde ich. Wir haben dann erstmal überlegt, dass es hilft zu wissen, dass alle Menschen manchmal Angst haben. Wir haben beschlossen, dass ich, wenn ich ein Referat halten muss oder so, mir einfach sage: „Angst verschwinde! Ich weiß, wenn die anderen aus meiner Klasse ein Referat halten müssen, haben sie auch Angst.“ Und Papa wollte das auch so machen, wenn er eine Rede halten muss oder so. Wir nannten das: „Angst wegschicken“ und eine Zeitlang kamen wir gut damit klar. Aber dann bekam Papa irgendwann sehr viel Stress wegen der Wahl und so. Mama und Papa haben deshalb immer öfter gestritten. Papa hatte keine Zeit mehr für Flüsterstunden und alles war doof. Und dann bin ich mal sonntags ganz früh wach geworden und in die Küche gegangen, um mir was zu trinken zu holen. Da habe ich Papa in der Küche sitzen sehen. Er sah schrecklich traurig aus. Ich habe vergessen, dass ich Durst hatte und habe mich zu ihm gesetzt und ihn leise gefragt, ob er eine Flüsterstunde braucht.

Er hat mich sehr traurig angeschaut und hat gesagt: „Ja - sehr dringend. Das „Angst wegschicken“ funktioniert bei mir gerade überhaupt nicht. Ich habe monstermäßig Angst, dass ich das alles nicht hinbekomme. Da wurde ich plötzlich auch sehr traurig und habe Papa ganz festgedrückt. Und dann habe ich ihm ins Ohr geflüstert: „Ich habe eine Idee. Geh erstmal schlafen, dann wirst du es sehen!“ Papa ist dann schlafen gegangen und ich bin in mein Zimmer. Er hatte gesagt, dass er „monstermäßige“ Angst hat. Mit Monstern kenne ich mich aus. Die man muss man sich sehr genau anschauen, ob sie tatsächlich gefährlich sind oder nur angeben. Die meisten sind Angeber – mit denen muss man dann sehr streng sein und sie wegsperren. Und bei besonders schlimmen Monstern muss man sich Hilfe holen. Ich setzte mich an meinen Schreibtisch und bastelte für Papa ein kleines rotes Angstmonster.

Als Mama und Papa am Frühstückstisch saßen, habe ich es Papa geschenkt. Papa hat sofort kapiert, dass das ein Angstmonster ist. Ich habe ihm erklärt, dass es so funktioniert wie alle Angstmonster. Man muss ihm zeigen, dass man der Chef ist. Wenn es angibt und seine Flügel weit ausbreitet, muss man sie einfach zusammenschieben. Dann sieht das Monster nicht mehr gefährlich, sondern eher mickerig aus. Wenn das nicht klappt, kann man das Monster ins Fenster hängen, dann flattert es ängstlich im Wind. Und in besonders schlimmen Fällen muss man es in den Schrank sperren. Mama verstand erstmal gar nichts. Papa und ich haben es ihr dann erklärt. Da war sie begeistert und wollte unbedingt auch ein Angstmonster von mir gebastelt bekommen. Das habe ich gemacht und für mich habe ich auch noch eins gebastelt. Jetzt haben wir alle ein Angstmonster und kommen ganz gut klar.

 

 

5  Die Sache mit dem Herzen

Vor gar nicht langer Zeit herrscht große Not im Märchenland. An vielen Orten gab es Ratlosigkeit und Kummer. Nichts lief märchenhaft. Die Menschen waren unglücklich. So zum Beispiel bei den Diskutanten. In ihrer Ecke des Märchenlandes war das Wasser knapp. Die Hauptquelle war fast versiegt und einige der alten Brunnen hatten kaum noch Wasser. Die wunderschönen Fontänen vor dem Wasserschloss der Prinzessin sprühten nicht mehr. Seit Monaten saßen die Diskutanten nun zusammen und diskutierten das Problem. Man entwickelte die schlimmsten Befürchtungen, entwarf Lösungsmodelle und verwarf sie sofort wieder, man stritt über Vorschläge und fand keinen Konsens. Die einen wollten Wasserträger ausbilden, die das Wasser aus einem anderen Teil des Landes holen sollten, die anderen wollten eine Wasserleitung zu einem entfernten Märchensee legen und die dritten wollten einen neuen tiefen Brunnen graben. Man diskutierte und diskutierte, ohne zu einem Ergebnis zu kommen. Die Unsicherheit wuchs, einige verzweifelten. Da kam ein junges Mädchen auf die rettende Idee: „Ich gehe zur kleinen, weisen Frau und frage sie um Rat. Sie wird wissen, welcher Vorschlag der Beste ist.“ Schnell waren alle einverstanden. Mit vielen guten Ratschlägen ausgestattet macht sich das junge Mädchen auf den Weg.

Auf der anderen Seite des Märchenwaldes gab es ebenfalls ein Problem. Hier, auf dem zauberhaften Plateau, hatte es vor einigen Wochen einen Sandsturm gegeben. Alle Häuser, alle Gärten, alle Kutschen waren mit Sand bedeckt. Alles war grau, der märchenhafte Glanz der Dinge war weg. Die Ausruher waren sehr betrübt darüber. Sie wussten, dass sie sich an die Arbeit machen sollten und dem Problem mit Besen und Wedel zu Leibe rücken mussten. Aber sie schafften es nicht. Sie ruhten so gerne, ihnen fehlte der Antrieb immer vertagten sie das Naheliegende. Eine junge Frau war sehr betrübt darüber und beschloss die kleine, weise Frau aufzusuchen und diese, um Rat zu fragen. Von ihr wollte, sie wissen, wie das Plateau vom Sand befreit werden könnte.

In einer anderen Ecke des Märchenlandes, am Fuße des großen Märchenberges lebten zu jener Zeit die Schwarzseher. Sie waren überzeugt, dass das Märchenland mit all seinen Problemen nicht mehr zu retten sei. Sie waren die Unglücklichsten im ganzen Märchenland. Sie konnten nichts Schönes mehr in ihrem wunderschönen Land entdecken, malten die Zukunft in düsteren Farben und fühlten sich einsam und verlassen. Aber auch hier gab es ein junges Mädchen, das es nicht mehr ertragen konnte und sich auf den Weg zur kleinen, weisen Frau aufmachte, um dort Rat und Hilfe für sich und ihre Lieben zu holen.

Auf dem weiten Weg zur weisen, kleinen Frau trafen sich die drei Ratsuchenden. Sie sprachen über ihre Schwierigkeiten und ihre Hoffnungen. Als sie nach einem beschwerlichen Weg endlich am Palast der kleinen, weisen Frau ankamen waren sie sehr traurig, dass sie die kleine, weise Frau nicht antrafen.

Als Frau der Tat, war die kleine, weise Frau längst bei den Diskutanten. Sie hatte sie alle vor dem Wasserschloss zusammengerufen und ihnen eine Schaufel aus den königlichen Beständen in die Hand gedrückt. Dann hatte sie, ohne eine weitere Diskussion abzuwarten, mit dem Graben begonnen. Bald hatten sich alle anstecken lassen und gruben fleißig an einem neuen Brunnen. Die kleine, weise Frau war sehr angestrengt, aber zufrieden – und nahm den Diskutanten ein Versprechen ab.

Ohne ein großes Aufheben zu machen, zog die kleine, weise Frau dann weiter. Bei den Ausruhern auf dem märchenhaften Plateau angekommen, verlor sie kein überflüssiges Wort, sondern begann zu wirbeln. Vor den staunenden Blicken der Bewohner verflog der Staub fast von selbst, als die kleine, weise Frau über das Plateau wirbelte. Peinlich berührt griffen nun alle nach ihren Wedeln und nach kurzer Zeit strahlte das Plateau zauberhaft. Die kleine weise Frau aber verließ auch die Ausruher ebenso unauffällig wie sie gekommen war.

Die drei jungen Frauen, die sich aufgemacht hatten - um die weise Frau zu befragen waren in der Zwischenzeit traurig zurückgekehrt. Sie trafen im gleichen Augenblick wie die weise Frau bei den Schwarzsehern ein. Erstaunt konnten sie feststellen, wie allein die Ankunft der überaus freundlichen, weisen Frau die Schwarzsehr positiv stimmte. Staunend hörten sie zu, wie die kleine weise Frau den Schwarzsehern ein erfreuliches Ereignis versprach. Und kaum hatte sie es ausgesprochen hörte man fröhliche Menschen kommen. Es waren die Diskutanten. Sie waren beim Brunnengraben auf köstliches, gesundes Quellwasser gestoßen. Dann hatten sie Krüge gefüllt und hatten sich mit diesen – wie sie es der kleinen, weisen Frau versprochen hatten- auf den Weg zu den Schwarzsehern gemacht. Und weil es den Diskutanten jetzt so gut ging, hatten sie gleich auch noch die Ausruher mitgebracht.

Da nun, dank der kleinen, weisen Frau mit ihrer zupackenden Art und ihrer positiven Ausstrahlung, alles eine gute Wendung erfahren hatte, feierten alle zusammen ein großes Fest. Das große Thema dieses Festes war natürlich die kleine, weise Frau. Vor allem die drei jungen Frauen fragten sich wie die kleine, weise Frau erkennen konnte was der richtige Weg war. Sie standen etwas abseits von den Feiernden, als ein sehr berühmter kleiner Prinz vor ihnen auftauchte und sie fragte: „Wollt ihr wissen, wie die kleine weise Frau sehen konnte was den Bewohnern des Märchenlandes fehlte?“ „Ja, das wollen wir“ sagten die jungen Frauen. Da antwortet ihnen der kleine Prinz: „Es ist ganz einfach – sie sieht mit dem Herzen.“


6  Die Solidarität der Tannenbäume

Alle Waldbewohner sind sich in einer Sache ziemlich einig. Christbäume sind ein sehr eigenes Volk. Vermutlich, weil die Bäume beim wichtigsten Fest des Jahres so eine hervorstechende Rolle haben, oder aber, weil sie in ganz speziellen Schonungen herangezüchtet werden oder, oder, oder. Tannenbäume sind auf jeden Fall ziemlich von sich überzeugt. Das bedeutet gleichzeitig, dass sie sich gegenseitig nicht wirklich grün sind. Sie sind von klein auf miteinander in Konkurrenz: Wer ist der Größte, wer ist am geradesten gewachsen, wer hat die Kerzen-freundlichsten Zweige? Bei so viel gegenseitiger Beobachtung bekommen die Christbäume im Regelfall auch nicht viel von den anderen Waldbewohnern mit.

        

So auch in diesem Jahr in der Tannenbaumkolonie „Lametta“ im Taunus. Alle 500 Christbäume waren einzig auf ihren Aufritt zum Jahresende konzentriert. Sie hatten wohl mitbekommen, dass die Corona-Pandemie die Weihnachtsfeiern gefährdet und die Tannenbaumverkäufer Angst haben, nicht alle prachtvollen Bäume zu verkaufen. Aber das Elend der anderen Waldbewohner, das hatten sie nicht mitbekommen. Ihre Kollegen die Laubbäume, aber auch ihre Verwandten die Fichten, litten unter Hitze, Wassermangel und dem Borkenkäfer. Vielen ging es echt dreckig. Keine zehn Meter neben der „Lametta-Kolonie“ standen viele sehr traurig aussehende Bäume. Und oberhalb der Tannenbaum-Aufzucht-Station lagen sogar ganz viele tote Bäume – ausgerissen von einem schweren Sturm vor ein paar Wochen. Es herrschte eine wirklich sehr traurige Stimmung rund um die mit sich selber beschäftigten Christbäume.

Das konnte die alte Eule nicht mehr mit ansehen. Sie flog eines Nachts in die Tannenbaumkolonie und rief so lang und so laut, bis auch der letzte angehende Christbaum aus seinem Schönheitsschlaf erwacht war. „Was kreischst du hier rum?“ wurde sie von den genervten Tannenbäumen gefragt. „Leute, der Wald baucht eure Aufmerksamkeit. Schaut euch bitte mal um. Eure Kollegen sind in einer bedauernswerten Situation. Das Waldsterben macht sich breit.“ „Ja, machen wir“, versprachen die Christbäume. „Aber erstmal müssen wir uns um andere Dinge kümmern. Corona ist derzeit das große Thema. Wie entwickeln sich die Zahlen? Wie wird dieses Jahr Weihnachten gefeiert?“ „Nein, ihr Schönen“, antwortete Greta die Eule. „Verschieben ist nicht mehr! Wenn morgen früh die Sonne aufgeht seid ihr dran! Macht die Augen auf, schaut euch um und morgen Nacht machen wir einen Plan zur Rettung des Waldes. Und denkt dran – gibt es keinen Wald mehr, gibt es auch keine „Lametta-Kolonie“ mehr. Also auch keine Zukunft für Christbäume.“

        

Die Eule schwang sich in die Lüfte und lies unruhige Tannenbäume zurück. Es dämmerte ihnen, dass sie da wohl etwas verschlafen hatten. Aufgeregt warteten sie auf den Morgen. Bei Sonnenaufgang schauten sie sich ängstliche um. Große Ratlosigkeit machte sich breit. So furchtbar hatten sich die Christbäume die Situation des Waldes nicht vorgestellt. Alle jammerten durcheinander: „Schrecklich, wie konnte sowas passieren? Warum hat uns das keiner gesagt?“ Bei Einbruch der Dunkelheit kam, wie angekündigt, die Eule zurück. „Und, was ist zu tun?“ fragte sie die Christbäume. Ratloses Schweigen schlug ihr entgegen. Dann sprach ein älterer Christbaum aus, was die meisten Christbäume dachten: „Das Leiden der Kollegen macht uns alle sehr betroffen. Aber leider sind wir nicht die, die an dieser Katastrophe etwas ändern können!“ Noch bevor die verärgerte Eule darauf reagieren konnte, ergriff der kleinste Tannenbaum das Wort: „Doch! Wir können! Kein Baum kommt den Menschen so nah wie wir. Wir stehen im Wohnzimmer und alle sitzen erwartungsvoll um uns herum. Das nutzen wir. Wir sind solidarisch mit den anderen Bäumen und wecken die Menschen!“

„Ein hoch auf die Jugend!“ lobte die weise, alte Eule Greta den kleinen Tannenbaum. Und dann fragte sie: „Wie machen wir es?“ „Ganz einfach“, sagte der kleine Christbaum. „Der erste Weihnachtsfeiertag ist in diesem Jahr ein Freitag. Wir machen daraus den FRIDAY FOR FUTURE in jedem deutschen Wohnzimmer. Wir Christbäume führen den Menschen vor Augen, wie es um unsere Kollegen steht. Das ist unser Weihnachtsgeschenk an den Wald und an die Menschen.“ Alle waren ergriffen, keiner sagte etwas. Da begannen plötzlich die Bäume rund um die „Lametta-Kolonie“ zu klatschen, dann klatschten alle Christbäume. Sie riefen: „So machen wir es!“. Und die Eule rief: „Großartig, Weihnachten ist der richtige Zeitpunkt für einen großen Anfang.“